Aus dem Glauben heraus handeln…
Besondere Anliegen erfordern besondere Aktionen…
Wer weiß dies besser als Frauen in den Frauenhilfen.

Viele in der Frauenhilfe engagieren sich ehrenamtlich in diakonischen, sozialen und politischen Projekten. Das Spektrum ist groß: Die Vorlesegruppe im örtlichen Kindergarten, Kinderferienbetreuung durch ein Frauenhilfe-Team, Organisation und Durchführung des monatlichen Kirchenkaffees, Altenheim-Besuchsdienst, Aufsichtsteam der „Offenen Kirche“, Diakoniesammlungsteam, Mitarbeit im Team des örtlichen Mittagstisches, Catering bei Gemeindefesten, Organisation der regionalen Kleiderkammer und vieles mehr.

Das Engagement einer Frauenhilfe-Gruppe sichtbar werden zu lassen, ist Ziel von „Aus dem Glauben heraus handeln…“ Und: Frauenhilfe ist eben „Mehr als Sie denken…“

Frauen helfen Frauen aufzustehen gegen Menschenhandel - eine Chronik der Solidarität

Luise Metzler ist von Anbeginn der Arbeit der Frauenberatungsstelle für Opfer von Menschenhandel, NADESCHDA, dabei. Die heute 62jährige engagiert sich weiterhin als ehrenamtliche Prozessbegleiterin.
Die Entwicklung der Beratungsstelle aus ihrer persönlichen Perspektive beschreibt sie hier.

28. September 1997 - Tag der Ökumenischen Dekade „Solidarität der Kirche mit den Frauen“ (1988-1998) in Haus Reineberg/ Kreis Herford

Die Theologin Dr. Magdalene Frettlöh trägt „Theologische Aspekte der Gewalt gegen Frauen“, die aufrühren. Sie spricht über die Vergewaltigung der Königstochter Tamar und die Verschleierung dieser Gewalttat durch ihren Vater David (2. Sam 13) - ein bis heute hochaktuelles Thema. Anschließend informiert Regina Reinalda von der Mitternachtsmission Dortmund im Workshop „Frauenhandel“ über das Ausmaß des Frauenhandels in Deutschland, speziell in Ostwestfalen. Deutschland ist nicht nur Transitland für den Handel mit Frauen von Ost nach West, sondern vor allem Endstation für viele der ausgebeuteten Frauen. Nicht nur in großen Städten mit ihren Rotlichtvierteln gibt es Menschenhandel und Zwangsprostitution. Tatort ist sehr oft auch der ländliche Raum. Ostwestfalen, verkehrgünstig an der A 2 als Ost-West-Achse gelegen, ist zum Umschlagplatz der „Ware“ (so der Jargon der Menschenhändler) geworden. Viele der Frauen landen in Wohnungen oder kleinen Bars rechts und links der A 2.

Menschenhandel ist Frauenhandel - das ist auch in Ostwestfalen traurige Realität. Mit Menschenhandel wird laut Hochrechnungen mehr Geld verdient als mit Autoschiebereien. 90% aller Opfer von Menschenhandel sind Frauen und Kinder. Schlechte Zukunftsperspektiven, hohe Arbeitslosigkeit und wachsende Armut in Ost- und Mitteleuropa tragen dazu bei, dass Frauen in den „Goldenen Westen“ migrieren wollen. Schleppern fällt es leicht, Frauen mit falschen Versprechungen nach Deutschland zu locken. Sehr viele geraten in Abhängigkeit von den Zuhältern und werden zur Prostitution gezwungen. Ein Entkommen ist aus vielerlei Gründen kaum möglich.
Auch im Kreis Herford, der sich an diesem Dekadesonntag idyllisch und harmlos im Herbstsonnenschein zeigt, wird vielen Frauen und Mädchen die Menschenwürde genommen, indem sie verschleppt, sexuell ausgebeutet und wie Sklavinnen vermarktet werden. Viele der Opfer sind minderjährig - was durch Passfälschungen oft unsichtbar gemacht wird.

Erstaunt und erschrocken nehmen die Anwesenden (20 Frauen und ein Mann) wahr, dass diese Verbrechen direkt vor ihrer Haustür geschehen. Ich gehöre dazu. Am Ende des Workshops melde ich mich zu Wort: „Es kann doch nicht sein, dass wir jetzt alle betroffen sind und gleich auseinandergehen, ohne dass es Folgen hat.
Was können wir tun?“ Der Impuls wirkt. Wir bilden eine Arbeitsgruppe mit dem Ziel, in unserer Region eine Beratungsstelle für von Zwangsprostitution betroffene Frauen einzurichten. Monika Budde, die Gleichstellungsbeauftragte der Kreises Herford, und Mitarbeiterinnen der Frauenreferate der Kirchenkreise Minden, Lübbecke und Herford sowie die Evangelischen Frauenhilfe in Herford beteiligen sich. Wir beginnen.

9 Monate später
Unsere Arbeit ist erfolgreich. „Nadeschda - Frauenberatungsstelle für Opfer von Menschenhandel“ kann ihre segensreiche und oft mühsame Arbeit beginnen. Der Name „Nadeschda“ kommt aus dem Russischen und heißt „Hoffnung“. Nadeschda ist zuständig für den Großraum Ostwestfalen. Trägerin ist die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen e. V.
Das Bundes-Frauen-Ministerim und später auch das  Land NRW sagten finanzielle Unterstützung zu. Räume in Herford werden angemietet. Engagierte Sozialarbeiterinnen werden eingestellt, darunter Frauen, die eine osteuropäische Sprache beherrschten. Sie betreuen die Opfer, die in Deutschland zur Prostitution gezwungen werden. Fast alle kommen aus dem Osten Europas.
Sie beraten sie, bringen sie anonym unter, vermitteln psychologische und ärztliche Betreuung und begleiten sie bei Prozessen gegen die Menschenhändler und Vergewaltiger. Denn etliche der betroffenen Frauen sagen vor Gericht gegen ihre Peiniger aus - eine quälende Prozedur für diese traumatisierten Frauen.
Von Anfang an versuchen wir ehrenamtlichen Frauen, die Arbeit von Nadeschda zu begleiten und zu unterstützen. Zunächst beschränkt es sich darauf, Kleidung und Haushaltsgegenstände für die befreiten Frauen zu sammeln und die Öffentlichkeit durch Vorträge zu informieren und um Spenden zu bitten.
So nötig dieses ist, es reicht uns nicht. Wir sehen die Not der Frauen, wenn sie vor Gericht geladen werden, um als Opferzeuginnen auszusagen, und handeln.

1999 Gründung der „Prozessbegleitgruppe Nadeschda“
Wenn eine Klientin als Opferzeugin vor Gericht geladen wird, wird sie von einer Mitarbeiterin der Beratungsstelle und ihrer Anwältin begleitet. Dennoch ist sie starkem Druck ausgesetzt. Während ihrer Aussagen sitzt sie dem Gericht gegenüber auf dem Zeugenplatz. Links von ihr sitzen die Angeklagten und deren Verteidigung, fast immer Männer. Rechts von ihr sind die Plätze der Staatsanwaltschaft und der Anwältin der Opferzeugin. Die Mitarbeiterin von Nadeschda sitzt im hinteren Teil des Raumes.
Das Publikum besteht häufig nur aus Vertreterinnen und Vertretern der Presse, Freunden und Angehörigen des Angeklagten. Fast immer sind Männer darunter, mit denen die Frau im Bordell zu tun hatte und vor denen sie sich fürchtet. Diese Situation ist für die Opferzeuginnen zusätzlich belastend. Das Publikum ist häufig parteilich für den Täter oder hat ein voyeuristisches Interesse.

Außer der Sozialarbeiterin und der Rechtsanwältin steht niemand im Raum solidarisch auf Seiten der Opferzeugin - auch nicht das Gericht. Es hat unparteiisch zu sein. Die Frauen müssen auf intime und manchmal unerträgliche Fragen antworten. Sie sind gezwungen, über das zu sprechen, was sie erlitten haben und was sie traumatisiert: Vergewaltigungen, Schläge, psychische und physische Demütigungen. Oft versucht der Verteidiger, sie im Interesse seines Mandanten ins Unrecht zu setzen und bloßzustellen. Ihnen werden Lügen unterstellt, ihre Glaubwürdigkeit wird zu untergraben versucht. Erschwerend kommt hinzu, dass die Frauen nur bruchstückhaft deutsch sprechen, also dem Geschehen um sie herum kaum folgen können und dadurch verunsichert sind. Zwar greift das Gericht manchmal ein. Dennoch ist es eine Tortur für die Frauen. Einige brechen während der Vernehmung in Tränen aus.

Wir haben eine Idee: „Wie wäre es, wenn wir an solchen Prozessen als Zuhörerinnen teilnehmen? Lasst uns im Gerichtssaal den Opferzeuginnen den Rücken stärken! Sicher hilft es ihnen, dass auch andere im Zuschauerraum sind, nicht nur Freunde und Angehörige ihrer Peiniger. Außerdem können wir eine Brücke nach außen sein, indem wir über das Geschehen berichten.“
Gesagt - getan! Etwa 20 ehrenamtliche Frauen aus Ostwestfalen beteiligen sich. Männer sind nicht dabei, auch wenn viele Männer die Arbeit von Nadeschda schätzen und unterstützen. Zur Prozessbegleitgruppe sollten nur Frauen gehören. Denn fast alle Gewalt, die die Opferzeuginnen erlitten haben, ist von Männern ausgegangen. Diesen Personen sitzen sie im Gerichtssaal gegenüber.
Es ist gut, wenn sie sich von Frauen unterstützt fühlen.

Wenn ein Prozess ansteht und die Klientinnen sich wünschen, dass Prozessbegleiterinnen anwesend sind, werden wir durch eine Telefonkette über Prozesse in Herford, Bielefeld, Osnabrück, Detmold oder andernorts informiert. Es gibt keinen Druck, jedes Mal teilzunehmen. Wer Zeit hat, fährt hin. Manchmal sind es viele Frauen. Es kann aber auch sein, dass nur eine Zeit hat. Auch das ist nicht wirkungslos. Unser Engagement stärkt nicht nur den Frauen den Rücken. Es verändert die Atmosphäre vor Gericht, wenn die Staatsanwaltschaft, das Gericht und die Verteidigung merken, dass der Prozess von Unbeteiligten beobachtet wird. Als ich einmal alleine an einem Prozess in Osnabrück teilnahm, fragte der Richter mich zu Beginn der Verhandlung: „Wer sind sie?“ „Ich bin die Öffentlichkeit.“ antwortete ich lächelnd. Erstaunt schwieg er. In der Pause ging ich nach vorne und sprach mit ihm. Ich spürte, dass sich bei ihm etwas änderte, obwohl ich ganz alleine da war.

Wir Prozessbegleiterinnen nutzen regelmäßig diese Chance, z. B. indem wir in einer Verhandlungspause dem Gericht und der Presse einen Flyer von Nadeschda überreichen und erklären, wer wir sind und warum wir da sind. Besonders die Presse, Radio und Fernsehen sind sehr am Kontakt mit uns interessiert. Auf diese Weise konnten wir Vorurteile gegen die Opferzeuginnen ausräumen, die durch die Verteidigung und die Aussagen der Angeklagten nur zu oft üblen Mutmaßungen und Verleumdungen ausgesetzt sind, getreu der Strategie: „Blaming the victim“.

Es ist nicht immer leicht, was wir Prozessbegleiterinnen anhören müssen.
Dazu befragt erklärt eine: „Ich habe genau überlegt, ob ich es ertrage. Beim ersten Mal war es sehr schwer. Nicht im Gerichtssaal, aber zuhause kamen die Bilder. Doch das hat sich gegeben. Sonst hätte ich aufhören müssen.“ Eine andere ergänzt: „Es verfolgt mich bis in den Schlaf, was diesen jungen Frauen angetan worden ist. Ich mache mir dann klar, dass ich es nicht erleiden musste, sondern nur anhören. Das will und werde ich schon schaffen.“ Eine dritte fügt hinzu: „Der Austausch mit den anderen Frauen - direkt nach dem Prozess oder am nächsten Tag - hilft mir. Es macht mir Mut. Ich bleibe dabei. Die Frauen brauchen unsere Solidarität.“ Denn die Leiden der Frauen lassen die Prozessbegleiterinnen nicht kalt.
Häufig hat unsere Anwesenheit als kritische und parteiliche Öffentlichkeit einen direkten Einfluss darauf, wie sich die Prozessbeteiligten gegenüber der Opferzeugin verhalten. Die Zeuginnen wissen, dass wir Frauen im Publikum zu ihrer moralischen Unterstützung da sind. Das beruhigt sie. Als Zuschauerinnen müssen wir schweigend teilnehmen. Doch wir nutzen die Möglichkeiten, die wir haben. Unsere Mimik, unsere Blicke oder ein tiefes Luftholen bei Haare sträubenden Vorhaltungen werden wahrgenommen. In den Prozesspausen bemühen wir uns, die anwesende Öffentlichkeit sowie die Staatsanwaltschaft und das Gericht über die Arbeit der Beratungsstelle zu informieren. Darüber hinaus verfolgen wir die Berichterstattung über den Prozess in den Medien. Schon häufig haben wir in Leserinnenbriefen auf die herabwürdigende oder klischeehafte Berichterstattung über die Opferzeuginnen hingewiesen.

Ein- bis zweimal im Jahr treffen wir Prozessbegleiterinnen uns mit den Mitarbeiterinnen von Nadeschda, um mit der Belastung im Gerichtssaal fertig zu werden, um  uns auszutauschen und Fragen zu stellen. Dieser Kontakt untereinander und zur Beratungsstelle ist sehr hilfreich. Manchmal laden wir meinen Mann ein.
Er ist Staatsanwalt und erklärt uns juristische und strafrechtliche Einzelheiten zum Ablauf eines Prozesses.
Denn hier herrscht oft Unklarheit und Unverständnis. Es ist wichtig zu wissen, wer im Gericht welche Aufgabe hat, warum manchmal intime Fragen gestellt werden müssen oder warum es sinnvoll ist, offenkundigen Lügen nicht zu widersprechen, so schwer es für die Opferzeugin auch auszuhalten ist.

Der Austausch ist auch aus einem weiteren Grund wichtig. Bei Prozessen sind die Mitarbeiterinnen von Nadeschda nur während der Aussage der Klientin anwesend. Was vorher und hinterher geschieht, bekommen weder sie noch ihre Klientin mit. Dabei besteht großes Interesse daran, mehr zu wissen, nicht zuletzt um angstvolle Fragen der Klientin zum Prozess und dessen Ausgang beantworten zu können. Wir Frauen der Prozessbegleitgruppe sind von Anfang bis Ende im Gerichtssaal. Wir können die nötigen Informationen weitergeben. Die Mitarbeiterinnen von Nadeschda helfen uns, das Erlebte besser einzuordnen, indem sie uns Informationen zu den oft komplexen Zusammenhängen geben. Umgekehrt profitieren sie selbst von der moralischen Unterstützung der Frauen der Prozessbegleitgruppe.
Wir stehen aber nicht nur den Opferzeuginnen bei. Wir verstehen uns im und außerhalb des Gerichtssaals als Öffentlichkeit. Wir erzählen in unserem sozialen Umfeld von den Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die hier bei uns oft direkt vor unserer Haustür geschehen. Denn vielen Menschen ist dieser Skandal völlig unbekannt. Auch das wollen wir ehrenamtlichen Frauen von NADESCHDA ändern.

Oktober 2007
Die Arbeit der Prozessbegleiterinnen wird auf besondere Weise gewürdigt. Im Oktober 2007 wird uns der Salzkornpreis der Evangelischen Kirchen von Westfalen verliehen. Er wird alle zwei Jahre an Gruppen und Initiativen vergeben, die sich in besonderer Weise für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung einsetzen.

In der Begründung heißt es: „Die Prozessbegleitgruppe hat es sich zur Aufgabe gemacht, Opfern von Menschenhandel und Zwangsprostitution in den Prozessen gegen ihre Peiniger zur Seite zu stehen.
Dies geschieht jedoch nicht durch die aktive Begleitung der Opfer, dies ist weiterhin Aufgabe allein der Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle. Die Prozessbegleitgruppe stellt vielmehr unabhängig davon eine ‚weibliche Öffentlichkeit’ im Zuschauerraum her. Dies ist insbesondere deswegen wichtig, weil die Angeklagten selbst oftmals durch Freunde und Bekannte aus dem Rotlichtmilieu und auch Familienangehörige begleitet werden, während die Opfer oftmals allein auf sich gestellt sind.
Die Anwesenheit von vornehmlich älteren Frauen im Gerichtssaal schafft eine andere Atmosphäre. Gelegentlich geben sich die Mitglieder der Prozessbegleitgruppe in Verhandlungspausen oder nach Ende des Prozesses dem Gericht oder der Staatsanwaltschaft zu erkennen. Hier gibt es im Einzelfall schon die Rückmeldung, dass die Anwesenheit der Mitglieder der Prozessbegleitgruppe auch Einfluss auf die Verhandlungsführung hatte. Insofern ist es für die Opfer wichtig, diese zusätzliche Rückendeckung zu erhalten.“

Weitere Fotos

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