Urlaub von der Pflege – ohne schlechtes Gewissen

August 2018

Urlaub von der Pflege – ohne schlechtes Gewissen (August 2018)

„50 Jahre“, sagt Gerda S. und streichelt Peter liebevoll über die Hand, „seit 50 Jahren sind wir verheiratet.“ Die 68jährige strahlt ihren Mann an: „Ich begleite meinen Mann auf Schritt und Tritt, helfe morgens beim Waschen, Rasieren und Anziehen, bringe ihn mittags zur Krankengymnastik und abends wieder ins Bett. Nur hier nehme ich mir Urlaub von der Pflege - ohne schlechtes Gewissen.“

Viele Menschen möchten mit ihrem an Demenz erkrankten Angehörigen Urlaub machen, wünschen sich aber eine kompetente Unterstützung und Begleitung während dieser Zeit. "Bei uns können dementiell Erkrankte und Pflegende zusammen im beschützten Rahmen ihren Urlaub verbringen", erklärt Katrin Mrozek, Leiterin des Hotel Erika Stratmann. Das Haus der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen e.V. bietet in Kooperation mit der Alzheimer Gesellschaft Kreis Soest bereits im 15. Jahr in Bad Driburg zwei Mal jährlich Urlaubswochen für pflegende Angehörige und  dementiell Erkrankte an. Statt Vollzeitpflege steht das Erleben gemeinsamer Zeit im Naturpark Eggegebirge, im südlichen Teutoburger Wald, im Mittelpunkt. Gemeinsam mit anderen erfahren alle Beteiligten Regeneration, Erholung und Entspannung.

Seit vier Jahren kümmert sich Gerda S. um ihren Mann Peter – 24 Stunden täglich. Eine Aufgabe, die viel Kraft und deshalb auch Auszeiten erfordert. „Der häusliche Alltag ist oft von Stress geprägt“, weiß Christa Schürmann, die seit vielen Jahren die erste Ansprechperson für urlaubswillige pflegende Angehörige in der Evangelischen Frauenhilfe ist. Vollverpflegung, Sauna und Schwimmbad im Bad Driburger Hotel versprechen da schon die erste Entlastung vom Alltag. Der betreute Urlaub soll jedoch auch allen Beteiligten ein hohes Maß an Individualität, aber auch Sicherheit gewährleisten. Die Angehörigen können sich zu bestimmten Zeiten zurückziehen und wissen dabei ihre Erkrankten in guten Händen. Der Austausch und die Gemeinsamkeit mit anderen Betroffenen und den Betreuern ermöglichen zudem neue Erfahrungen. Ein Rahmenprogramm mit verschiedenen Angeboten kann von den Angehörigen, auch gemeinsam mit dem Erkrankten, individuell genutzt werden. Für die Erkrankten ist zeitweise eine fördernde Tagesbetreuung unter fachlicher Anleitung eingerichtet.

"In einem normalen Hotel wird man mit einem demenzkranken Partner oft komisch angeschaut", weiß Katrin Mrozek. Viele Ehepaare reagieren mit Scham. "Sie verreisen nicht mehr, selbst wenn sie früher regelmäßig Urlaub gemacht haben", sagt die Hotelleiterin. So war es auch bei Egon B., der seine Frau pflegt. Ein erholsamer Urlaub ohne Unterstützung war mit seiner demenzkranken Frau nicht mehr möglich. Deshalb war der 73jährige froh, als er von dem Urlaubsangebot für Demenzkranke und ihre Partner der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen erfuhr.

Zwei Wochen verbrachte er gemeinsam mit seiner Frau im 3-Sterne Hotel in Bad Driburg, das sich 2015 zudem in „barrierefreies Reisen“ zertifizieren ließ. "Eine sehr entlastende Erfahrung", sagt der pflegende Ehemann.  Bereits nach einer Woche in der Gemeinschaft ging es ihm besser: "Man merkt, dass man mit seinen Problemen nicht alleine da steht und bekommt eine Reihe guter Tipps und Anregungen." Urlaubswochen könne auch den Erkrankten neue Kraft geben, beobachtet Christa Schürmann. So etwa bei einem dementen Mann, der während des Urlaubaufenthaltes erstmals seit Jahren wieder lachte. "Seine Schwester sagte mir, allein dafür habe sich die Reise gelohnt."

„Heute spazieren wir noch ein letztes Mal im Kurpark“, sagt Gerda S. und Peter und sie strahlen. Draußen ist es richtig schön warm geworden. Doch die Koffer sind bereits gepackt. Es ist Abreisetag. Beide sind trotzdem nicht traurig, dass sie Bad Driburg verlassen müssen. Sie haben die nächste Reise schon geplant: Es geht in den Teutoburger Wald – zurück ins Hotel in Bad Driburg.

Nähere Informationen und Anmeldung unter www.frauenhilfe-bildung.de  oder bei Christa Schürmann Tel. 02921 371 205.

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