Zahlen der Prostituierten-Beratungsstelle TAMAR zeigt Hilfebedarf

(Februar 2019)

Zahlen der Prostituierten-Beratungsstelle TAMAR zeigt Hilfebedarf (Februar 2019)

Foto: Die Beraterinnen Tanja Mesic und Sabine Reeh, Erika Denker von der Westfälischen Frauenhilfe und Leiterin Birgit Reiche (v.l.n.r.) berichten darüber, dass die Clubs leerer und die Internetforen voller werden.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Zu fast 500 Prostituierten nahmen die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle TAMAR im letzten Jahr in Südwestfalen Kontakt auf. Etwa ein Sechstel davon wurde in der Folge intensiv betreut und unterstützt. Knapp 60 Prostitutionsorte wurden in der Region von den Mitarbeiterinnen aufgesucht. Und trotz dieser Zahlen ist die Anlaufstelle für Prostituierte bislang nur bis April 2020 gesichert.

Die Prostituierten- und Ausstiegsberatungsstelle TAMAR kann bereits auf über vier Jahre Beratungstätigkeit zurückblicken. Zum Jahresbeginn 2018 stand die weitere Förderung der Beratungsstelle TAMAR noch nicht fest. Die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen e.V. (EFhiW)  und der Bezirksverband der Siegerländer Frauenhilfen e.V. sprangen für die Fortsetzung der Arbeit der Beratungsstelle mit Eigenmitteln ein. Eine zweijährige Projektförderung aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Landes NRW wurde dann ab 15. April 2018 bewilligt. Durch die Förderung als Projekt ProBOA „Prostitution: Beratung, Orientierung, Ausstieg“ ist die Finanzierung von zwei Personalstellen und Sachkosten lediglich bis April 2020 gesichert.

TAMAR bietet Prostituierten- und Ausstiegsberatung in Südwestfalen - in den Kreisen Hochsauerlandkreis, Märkischer Kreis, Olpe, Soest und  Siegen-Wittgenstein – sowie in Hamm an. Im Projekt ProBOA werden Prostituierte in der Startphase des Prostituiertenschutz­gesetzes (ProstSchG) beraten und begleitet. TAMAR-Mitarbeiterinnen wie Sabine Reeh und Tanja Mesic suchen Prostituierte dort auf, wo sie sexuelle Dienstleistungen anbieten – in Clubs, in Bars und Wohnungen oder auch in Wohnwagen.

92% der Prostituierten, die die Mitarbeiterinnen aufsuchen oder intensiv begleiten und betreuen sind Migrantinnen. „Wir nehmen eine Lotsinnenfunktion ein“, erläutert TAMAR-Leiterin Birgit Reiche. Durch Aufklärung und gezielte Informationen werden die vielfach bei Prostituierten in der Region bestehenden Vorbehalte gegenüber einer Anmeldung bei Behörden gemindert und sie durch das Hilfesystem gelotst. Auf Wunsch erhalten die Prostituierten Beratung und Begleitung im Ausstieg aus der Prostitution. „12 der 86 Frauen, die von uns intensiv begleitet werden, befinden sich im Ausstiegsprozess“, erklärt Sabine Reeh und Tanja Mesic ergänzt: „Die individuellen Lebensbedingungen der Frauen sind komplex. Daher läuft die intensive sozialarbeiterische Begleitung über Wochen, Monate und auch Jahre.“

Eigentlich sollte das Prostituiertenschutzgesetzes (ProstSchG) die Rechtssicherheit für die legale Ausübung der Prostitution verbessern und Kriminalität in der Prostitution wie Menschenhandel, Gewalt und Ausbeutung bekämpfen. Die Erfahrungen der TAMAR-Mitarbeiterinnen lassen jedoch anderes vermuten.

„2017 haben wir noch mehr als 600 Frauen und 77 Prostitutionsbetriebe aufgesucht. Es sind also sowohl weniger Betriebe als auch weniger Frauen seit Inkrafttreten des Gesetzes anzutreffen in Südwestfalen“, fasst Sabine Reeh die Fakten zusammen. Insbesondere kleinere Betriebe mussten schließen und Frauen ziehen sich mit ihrer Tätigkeit in nicht-öffentliche und damit oftmals ungeschütztere Bereiche zurück.  „Die Clubs werden leerer und die Internetforen voller“, erklärt Birgit Reiche. Dort sind sie für Behörden, aber auch für Beratungsstellen unerreichbar. „Damit ist das eingetreten, was wir vor der Einführung des Gesetzes immer befürchtet haben: Die Frauen werden in die Illegalität abgedrängt.“

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