Ehemalige Klientinnen als Alltagslotsinnen in Ostwestfalen

(Juli 2020)

Ehemalige Klientinnen als Alltagslotsinnen in Ostwestfalen (Juli 2020)

Alltagslotsinnen wie auch Klientinnen von NADESCHDA profitieren vom peer-to-peer-Projekt.

„Wir haben viel Hilfe bekommen, jetzt können wir etwas weitergeben.“ Die junge Frau aus Gambia blickt in die Runde. Mit ihr bilden weitere fünf Frauen die so genannte Peer-to-Peer Gruppe. Sie wurden durch zwei Mitarbeiterinnen der Fachberatungsstelle NADESCHDA zu sogenannten Alltagslotsinnen in vier Seminareinheiten seit Juni 2019 ausgebildet.

„Ich begleite derzeit eine andere junge Frau aus meinem Heimatland“, setzt sie fort. Dieser Hochschwangeren koche sie u.a. Essen aus der Heimat und bringe es ihr in die Unterkunft für Geflüchtete. Sie treffen sich zu Gesprächen und erkunden die Innenstadt. Die gemeinsame Muttersprache ist für beide Seiten wohltuend.

Alle sechs Alltagslotsinnen sind ehemalige Klientinnen von NADESCHDA. Diese bieten aktuellen Klientinnen nach Bedarf eine niederschwellige muttersprachliche Alltagsbegleitung an. Adressatinnen des Projektes sind geflüchtete Frauen, die sowohl auf dem Fluchtweg, als auch in Deutschland Opfer von Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung wurden.

„Ich unterstütze eine Frau zu Hause mit dem Baby, begleite zu Ärzten und übersetze für sie ein bisschen.“ Die Alltagsbegleiterin aus Guinea erzählt über ihre Landsfrau. Diese sei noch in den Anfängen Deutsch zu lernen und hatte bis zuletzt keine Hebamme gefunden. Die Alltagsbegleiterinnen wissen, wie wichtig es ist, den Klientinnen auch einfach mal bei einer Tasse Kaffee im Café um die Ecke zu zuhören.

Für ihre Arbeit erhalten die Alltagslotsinnen eine Aufwandsentschädigung. Regelmäßige Reflexionstreffen - angeleitet durch die Projektkoordinatorinnen - geben den Lotsinnen die Möglichkeit, über Erfolge und Herausforderungen in der Arbeit zu sprechen und von Erfahrungswerten der anderen Lotsinnen zu profitieren. So lernen sie nach und nach sich von fremdbestimmten hin zu selbstbestimmten Frauen zu entwickeln.
„Sowohl die Lotsinnen als auch die zu begleitenden Frauen erfahren im Sinne des Empowerment-Ansatzes, dass sie ihr Leben aktiv selbst gestalten“, erklärt Pfarrerin Birgit Reiche, Leiterin der Beratungsstelle. „Sie erhalten durch ihre Arbeit finanzielle Unterstützung und werden auf den Arbeitsmarkt vorbereitet.“

Hintergrund

Die Fachberatungsstelle NADESCHDA der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen e.V. bietet seit 1997 betroffenen Frauen von Menschenhandel muttersprachliche und kulturspezifische Beratung, sowie Betreuung und Begleitung in Ostwestfalen-Lippe an. Das Beratungskonzept orientiert sich an den Bedürfnissen der Frauen, die sich an die Beratungsstelle wenden und basiert auf der Hilfe zur Selbsthilfe.

Das am 01.04.2016 begonnene Projekt „Flüchtlingsberatung für Frauen, die von Menschenhandel betroffen sind“, das durch die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration gefördert wird, wurde auch im Jahr 2019 unter dem Titel „Empowerment für geflüchtete Frauen“ fortgesetzt und erhielt bereits eine weitere Förderzusage für 2020/21.

Im Rahmen dieses Projektes hat NADESCHDA vier Arbeitsbereiche entwickelt, die inhaltlich besonders auf das Erkennen möglicher Betroffener, die Beratung der Frauen und ihr Empowerment abzielen. Eins der vier Bereiche ist das „Peer-to-peer“-Konzept. Weitere Informationen unter www.nadeschda-owl.de

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