Tagesstätte Werdohl in Zeiten von Corona

(Dezember 2020)

Tagesstätte Werdohl in Zeiten von Corona (Dezember 2020)

Melanie Schnelle, Inga Schmidt, Sonja Kimpel und Barbara Prezlozny (von links) reagieren kreativ auf die unterschiedliche Situation in Zeiten der Pandemie.

Viele Freizeitbeschäftigungen sind verboten, soziale Kontakte müssen eingeschränkt werden und über allem steht die Angst vor einer Ansteckung: Die Corona-Pandemie ist vor allem für Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen eine Herausforderung.

Bereits der erste Lockdown im Frühjahr hatte schwere Folgen für die psychische Gesundheit vieler Menschen in Deutschland, ergab eine Befragung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Der Verlust sozialer Kontakte, die Angst um die Gesundheit, weniger Angebote für die eigene Tagesstruktur: Die Corona-Zeit macht besonders Menschen mit psychischen Erkrankungen zu schaffen. Die psychosozialen Auswirkungen durch das Corona-Virus sind immens.

„Bei vielen Menschen werden durch das Erleben der Pandemie und die mit ihr verbundenen Auflagen bestehende Ängste verstärkt oder neue Ängste erzeugt“, sagt Melanie Schnelle, Leiterin der Tagesstätte Werdohl. Unsicherheiten und Ängste werden größer. Erschwerend komme hinzu, dass viele der Betroffenen, die sie und ihre Kolleginnen betreuen, allein leben und keine oder nur geringe unterstützende Familienstrukturen haben. „Bei depressiven Menschen z.B. wird häufig die Antriebsarmut größer“, nennt sie ein Beispiel, wie sich die Corona-Situation auf eine chronische psychische Erkrankung auswirken kann. „Aber auch Unsicherheiten und Ängste nehmen oft zu. Und wer sowieso Kontaktprobleme mit Menschen hat, schließt sich schnell komplett ein.“

Kleines Jubiläum der Tagesstätte Frauenhilfe

Die Tagesstätte in der Bahnhofstrasse 26 in Werdohl ist für Menschen mit psychischen Erkrankungen seit Mitte April 2015 in Betrieb. An diesem Tag wurden die ersten fünf Besucherinnen und Besucher – so heißen jene, die die Angebote der Tagesstätte wahrnehmen - aufgenommen, zwei Tage später kamen die nächsten fünf. Insgesamt wurden die Plätze bis auf siebzehn Besucherinnen und Besucher aufgestockt. 2019 erbrachte die Einrichtung, die in Trägerschaft der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen ist, eine Jahresstundenzahl von 14.459 und erreichte somit die zweite und damit höchste Auslastungsstufe, die vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe finanziert wird. In der Tagesstätte Werdohl sind wiederkehrende Angebote unter fachkundiger Begleitung vorhanden. Besucherinnen und Besucher wählen aus dem Programm nach ihren Bedürfnissen. „Im Frühjahr wollten wir unser 5-jähriges Bestehen feiern – und dann kam alles anders“, erinnert sich Schnelle.

Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter im Coronamodus

„Wir mussten aufgrund der aktuellen Situation im März die Tagesstätte schließen. Und dies mussten wir dann auch unseren Besuchern mitteilen. Sogleich kam auch mehrfach die Frage auf: „Was sollen wir denn ohne die Tagesstätte machen?“ Alle wirkten ratlos und überfordert“, berichtet das Team. Das Betretungsverbot der Tagesstätte galt ab 17. März. „Wir haben diese Zeit genutzt, um die Tagesstätte zu tapezieren und zu streichen“, erzählt die Leiterin. „Unser Ziel war und ist es, dass wir weiterhin einen Kontakt zur Außenwelt bieten und Gesprächspartner bleiben“, sagt sie. So telefonierten die Mitarbeiterinnen regelmäßig in diesen Wochen mit den Besucherinnen und Besuchern, besuchten einige und führten während der Spaziergänge Gespräche mit ihnen. Kleine Beschäftigungsmöglichkeiten für zu Hause, die sie mitbrachten, verhalfen zu Ablenkungen.

„Eine geregelte Tagesstruktur schafft Halt und Ordnung für unsere Besucherinnen und Besucher“, stellt Schnelle klar. Im Frühjahr fehlte es vielen an der nötigen Motivation, Dinge anzugehen. In den Telefonaten ging es von daher inhaltlich oft um das Finden von Strukturen. Das, was vorher die Tagesstätte durch die regelmäßigen Angebote geliefert hatte, fiel plötzlich weg. „Viele berichteten zunehmend von Problemen mit dem Tag-Nachtrhythmus. Sie fühlten sich deprimiert, zeigten eine negative Grundstimmung und fühlten sich vor allem einsam“, beschreibt sie die Situation. Ende April stellte die Einrichtung daher einen Antrag auf eine Notgruppe, der auch bewilligt wurde. Es durften zunächst 6 Personen wieder in die Tagesstätte kommen. Ab Juni war der Besuch für alle wieder in festen Kleingruppen an unterschiedlichen Tagen erlaubt, nach Vorlage eines entsprechenden Schutz-und Hygienekonzeptes. Ab dem 21. September konnten die Zeiten noch weiter ausgeweitet werden, so dass die Tagesstätte wieder von Montag bis Freitag geöffnet ist.

Leben in Coronazeiten jetzt

Ein Blick in die Tagesstätte heute erweckt fast den Eindruck, als wäre vieles wie vorher. Es wird gemalt, gebastelt und derzeit besonders gerne mit Ton in der Kreativwerkstatt gearbeitet. In der Holzwerkstatt werden zurzeit Sterne und kleine Weihnachtsbäume ausgesägt, geschliffen und anschließend bemalt. Masken und Taschen werden in der Nähwerkstatt genäht. Zusätzlich finden Diskussionsrunden und Konzentrationstrainings-Kurse statt. Dennoch: alles ist etwas anders. Es haben sich die Anfangszeiten für die Besucher*innen etwas nach hinten verschoben, um nicht mit den vollen Bussen frühmorgens fahren zu müssen. Es gibt eine Zwei-Tage-Gruppe und eine Drei-Tage-Gruppe. Die Gruppen überschneiden sich nicht, um die Kontakte so gering wie möglich zu halten. Die Endzeiten haben sich um eine halbe Stunde verringert, da die Mitarbeitenden jeden Tag die komplette Einrichtung desinfizieren. Die Küche darf von den Besucher*innen nicht mehr betreten werden. Gekocht wird weiterhin täglich, jedoch ausschließlich durch das Personal. In der Einrichtung herrscht Maskenpflicht, sobald der eigene Arbeitsbereich verlassen wird.

'Leben in Coronazeiten' ist immer wieder Thema in den Diskussionsrunden in der Tagesstätte. Einigen fällt im wahrsten Sinne „die Decke auf den Kopf“. Manche haben einen enormen Rede- und Gesprächsbedarf oder auch Angst vor der derzeitigen Situation. Sie sind verunsichert, was erlaubt ist und was nicht. Alltagssituationen, die auch schon in „normalen Zeiten“ schwierig für sie sind, wie Einkaufen oder Arztbesuche, stellen jetzt noch eine größere Herausforderung für sie dar. Dabei sind sich alle immer wieder einig, dass die aktuelle Situation als beängstigend empfunden wird. „Unsere Besucherinnen und Besucher sagen: ‚Man kommt dann ja nicht raus. Auch mit Bekannten kann man nichts unternehmen.‘ Oder ein anderer sagt ‚Die Verpflegung ist dann sehr schwierig und ich esse dann häufig ungesünder. Das gemeinsame Zubereiten und Essen des Mittagessens ist viel schöner!‘ Oder wieder eine andere meint ‚Mein Tag-Nachtrhythmus gerät ohne feste Strukturen aus dem Gleichgewicht!‘“, berichtet Melanie Schnelle und fasst zusammen: „Die Sorge, die Tagesstätte müsste noch einmal schließen, wiegt am Schwersten.

Weitere Informationen

Weitere Informationen unter www.tagesstaette-frauenhilfe.de

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