Höherer Beratungs- und Betreuungsbedarf für Prostituierte in Ostwestfalen-Lippe

(März 2021)

Höherer Beratungs- und Betreuungsbedarf für Prostituierte in Ostwestfalen-Lippe (März 2021)

„Oberste Priorität all unserer Arbeit im letzten Jahr war - trotz aller Kontaktbeschränkungen - die Klientinnen angemessen zu unterstützen und zu begleiten“, stellt Birgit Reiche fest und fügt hinzu: „Das haben die Mitarbeiterinnen von THEODORA in beeindruckender Weise erreicht!“ Die Beratungsstelle für Prostituierte in Ostwestfalen-Lippe (OWL), THEODORA, konnte 146 Frauen im Jahr 2020 psychosozial und rechtlich beraten und begleiten. Zusätzlich wurden 26 Klientinnen von der Mitarbeiterin in der REGE mbH Bielefeld beraten. Außerdem wurden 33 Kinder der Klientinnen in der Altersgruppe bis sieben Jahre mitbetreut. Während der gesamten Pandemie wurde der Normalbetrieb - so gut es ging - aufrechterhalten. Es wurde beispielsweise nicht nur telefonisch beraten, sondern unter Einhaltung der Infektionsschutzmaßnahmen auch persönlicher Kontakt gesucht.

In lediglich drei Monaten des Jahres 2020 konnte aufsuchende Arbeit geschehen. Dabei wurden 205 Frauen erreicht. „Wir haben in den Clubs und Bordellen weniger Prostituierte angetroffen - viele sind kurz vor dem  Lockdown in ihre Heimatländer gereist“, beschreibt eine der Beraterinnen die Situation.

„Umfangreiche Recherche und ungezählte Telefonate waren nötig, um die Klientinnen so gut wie möglich beraten und begleiten zu können“, erzählt eine der Beraterinnen. Während des ersten Lockdowns konnten z.B. die Behörden keine adäquaten Informationen bezüglich der Corona-Soforthilfe für Prostituierte geben. Durch bewilligte Anträge aus dem Nothilfe-Fonds des „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V.“ (BesD) konnten über 40 Frauen im ersten Lockdown finanziell unterstützt werden. Einige Klientinnen wurden saisonale Arbeitsangebote vermittelt; anderen wurden in den regionalen Arbeitsmarkt integriert. Einige Klientinnen sahen diese Angebote als überbrückende Tätigkeiten an.

Die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen e.V., Trägerin der Beratungsstelle, hat sich vor Jahren bereits klar gegen ein Sexkaufverbot ausgesprochen. „Menschenhandel wird dadurch nicht verhindert und die Situation von Sexarbeiter*innen nicht verbessert, sondern sie werden viktimisiert und weiteren Gefahren aussetzt“, erklärt Birgit Reiche, Leiterin der Beratungsstelle. „Unsere praktische Erfahrung zeigt, dass Frauen, die die Prostitution als die einzige Einnahmequelle sehen, auch bei einem Sexkaufverbot weiterhin tätig sein werden“, ergänzt eine Beraterin von THEODORA und ihre Kollegin fügt hinzu: „Im Corona-Lockdown haben wir trotz Ansteckungsgefahr einen hohen Anstieg der Internetanzeigen von sexuellen Dienstleistungen beobachtet. Aus Angst, entdeckt zu werden, bleiben diese Prostituierten allen Hilfeangeboten fern.“

Mitte März 2020 wurden alle Prostitutionsstätten geschlossen. Erst ein halbes Jahr später durften die Betriebe in Nordrhein-Westfalen wieder öffnen. Im November schlossen die Betriebe wieder wegen steigender Infektionszahlen. Insbesondere die Schließung der Prostitutionsstätten in der Corona-Pandemie hat dazu geführt, dass sich einige Bundestagsabgeordnete gegen die Rechtslage der Prostitution in Deutschland ausgesprochen haben. Mit Mitgliedern zweier Regierungsparteien aus OWL wurden im Sommer 2020 Gespräche geführt, um deutlich zu machen: Beim sogenannten „Nordischen Modell“ handelt es sich um ein Sexkaufverbot, das im Kern in der Kriminalisierung von Prostitution besteht. „Es geht von der Annahme aus, dass sexuelle Dienstleistungen für Geld per se Gewalt darstellen“, so Reiche.

Hintergrund

Das EHAP Projekt „ProBAT“ ist ein Kooperationsprojekt zwischen der Prostituierten- und Ausstiegsberatungsstelle THEODORA mit der REGE mbH Bielefeld. Das Projekt wird durch das ‚Bundesministerium für Arbeit und Soziales‘ und den ‚Europäischen Hilfsfonds für die am stärksten benachteiligten Personen‘ (EHAP) gefördert, zunächst für zwei Jahre bis Ende 2020. Im Sommer 2020 konnte für  EHAP geförderte Projekte, also auch für das Projekt ProBAT, ein Verlängerungsantrag bis zum 30.06.2022 gestellt werden. Die Kreise in OWL und die Stadt Bielefeld haben sich zu einer Kofinanzierung bereiterklärt. Die Mitarbeiterinnen beim EHAP-Projekt „ProBAT“ sind Hilfe- und Bildungs-Lotsinnen für die Klientinnen und ihre Kinder.

Die Trägerin der Beratungsstelle THEODORA, die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen e.V., übernimmt alle durch die Zuschüsse ungedeckten Kosten, der einschließlich kirchlicher Zuschüsse und Spenden, bei über 20% der Finanzierung der Arbeit der Beratungsstelle liegt.
Weitere Informationen unter www.theodora-owl.de

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