1.427 Menschen fordern Schutz für Frauen in der Prostitution

(Juni 2026)

1.427 Menschen fordern Schutz für Frauen in der Prostitution (Juni 2026)

Der Juni begann für den Kreis Siegen‑Wittgenstein mit einem deutlichen Signal aus der Zivilgesellschaft. Kreissozialdezernent Thomas Wüst nahm 1.427 Unterschriften entgegen: Die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen (EFHiW) fordert mit dieser Petition die Revision der Entscheidung des Kreistags vom 12. Dezember 2025, mit der die Förderung der Fachberatungsstelle TAMAR Südwestfalen für das Kreisgebiet gestrichen wurde.

TAMAR, in Trägerschaft der EFHiW, ist die einzige spezialisierte Anlaufstelle für Frauen in der Prostitution im Kreis Siegen-Wittgenstein. Wie notwendig diese Arbeit ist, zeigt der aktuelle Bericht: Allein 2025 erreichten die Beraterinnen im Kreisgebiet 95 Sexarbeiterinnen im Rahmen der aufsuchenden Arbeit. 39 Frauen wurden intensiv beraten und über längere Zeit begleitet. Seit Bestehen der Beratungsstelle hatten im Kreis Siegen-Wittgenstein mehr als 1.100 Frauen Kontakt zu TAMAR.

Auch im gesamten Zuständigkeitsbereich bleibt der Bedarf hoch. 2025 wandten sich 397 Frauen an TAMAR Südwestfalen. Viele von ihnen wurden nicht nur einmalig beraten, sondern über Wochen, Monate oder Jahre begleitet. 36 Frauen befanden sich in einem beruflichen Veränderungsprozess. Die Zahlen machen deutlich: TAMAR ist für viele Frauen kein ergänzendes Angebot, sondern oft der einzige verlässliche Zugang zu Beratung, Schutz und neuer Perspektive.

TAMAR bietet psychosoziale Beratung, Gesundheitsprävention, Unterstützung bei Behördenkontakten und Begleitung beim Ausstieg oder bei beruflicher Neuorientierung. Dieses spezialisierte Angebot existiert im Kreis kein zweites Mal.

Wie unverzichtbar diese Arbeit ist, bestätigen zahlreiche Fachstellen in der Region. So betont Dipl.-Psych. Simone Weiß, Leiterin der EFL‑Beratungsstelle des Kirchenkreises Siegen‑Wittgenstein: „Ihr seid ein elementarer Teil unseres Netzwerks gegen sexualisierte Gewalt und für die psychosoziale Versorgungslandschaft in unserer Region unentbehrlich. Ihr seid für unsere Mitmenschen in der Sexarbeit wichtig, da diese ansonsten noch weniger Lobby haben.“

Auch Bettina Klein von der Diakonie Soziale Dienste gGmbH, Beratung/Begleitung im Projekt TIA SIWI, unterstreicht die besondere Bedeutung von TAMAR: „Ich arbeite schon viele Jahre in der Beratung von zugewanderten Menschen auch aus der Europäischen Union und erlebe, wie stark besonders Frauen, die von großer Armut betroffen sind, den Gefahren von Menschenhandel, Zwangsprostitution, Abhängigkeitsverhältnissen und Gewalt ausgesetzt sind. […] Damit Frauen mit der nötigen Expertise und Diskretion beraten werden können und damit ein Stück Selbstbestimmung wahrnehmen können, dafür steht meiner Ansicht nach TAMAR. Für mich ist dieses Angebot und die Vernetzung unter uns Fachkräften in unserer Region unverzichtbar.“

Deutlich wird die Bedeutung der Beratungsstelle auch aus Sicht anderer Fachberatungen. Alica Mielke von der Frauen*beratungsstelle/Fachstelle Sexualisierte Gewalt des Vereins Frauen helfen Frauen Siegen e.V. sagt: „TAMAR ist da, wo Hilfe wirklich ankommt. Aufsuchend, diskriminierungsfrei, unverzichtbar. Diese einzigartige Beratung muss weiter finanziert werden.

Das Aus für die Förderung durch den Kreis Siegen-Wittgenstein kam unerwartet. Noch am 2. Dezember 2025 hatte der zuständige Ausschuss für Gesundheit und Bevölkerungsschutz die Weiterförderung empfohlen. Zehn Tage später entschied der Kreistag anders. Damit fehlen 36.600 Euro, um die Arbeit von TAMAR im Kreis zu sichern.

Wie existenziell die Unterstützung von TAMAR für die betroffenen Frauen ist, zeigen zahlreiche Rückmeldungen von Klientinnen. Hier drei exemplarische O‑Töne: „Ihr seid Engel, ich weiß nicht, wie ich es ohne euch geschafft hätte.“  „Für euch gibt es kein ‚gibt es nicht‘ oder ‚das geht nicht‘. Ihr gebt das Beste für die Frauen.“  „Ich habe vor sechs Jahren in einem Club gearbeitet und wusste nicht, wie ich dort herauskommen sollte. […] Dank TAMAR hat sich mein Leben komplett verändert. Heute bin ich Mutter eines Jungen und führe ein ruhiges Leben.“ Diese Stimmen machen deutlich, wie sehr TAMAR Frauen stärkt, die sonst kaum Zugang zu Unterstützung haben.

„Die Entscheidung des Kreistags ist nicht nachvollziehbar. Wer Schutz für besonders vulnerable Frauen ernst nimmt, kann eine solche Fachberatungsstelle nicht einstampfen – erst recht nicht gegen das Votum des eigenen Gesundheitsausschusses“, sagt Birgit Reiche, Leitende Pfarrerin und Geschäftsführerin der EFHiW. „Die 1.427 Unterschriften zeigen, dass diese Haltung viele Menschen teilen.“

Thomas Wüst nahm die Unterschriften entgegen und versprach die Petition an die zuständigen Gremien weiterzuleiten.

Neben Vertreterinnen der EFHiW und von TAMAR waren mehr als 25 Unterstützerinnen und Verbündete bei der Übergabe vor Ort.

Hintergrund: 

Die Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes hält fest, dass der Staat gegenüber Frauen in der Prostitution eine Schutzpflicht hat und fordert ausdrücklich eine Stärkung spezialisierter Fachberatungsstellen. Der TAMAR-Bericht 2025 verweist zudem auf die weiterhin unzureichende Datenlage zur Prostitution in Deutschland und auf sehr unterschiedliche Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeitenden. Der Kreistag Siegen-Wittgenstein hat sich mit seiner Entscheidung gegen diese Empfehlung gestellt.

 

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