(Juni 2026)
Sommerferien – für viele eine Zeit der Erholung und des Reisens. Doch für einige Mädchen bedeutet diese Zeit ein erhöhtes Risiko: Während der schulfreien Wochen kann eine weibliche Genitalbeschneidung (FGM/C) drohen. Durch die fehlende soziale Kontrolle von Lehrkräften, Kita-Fachkräften oder der Jugendhilfe bleiben Warnsignale oft unbemerkt. Gleichzeitig bietet die lange Genesungszeit nach einer Beschneidung den Familien die Möglichkeit, Eingriffe während der Ferien zu verbergen – manchmal sogar durch verlängerte Auslandsaufenthalte oder Krankmeldungen.
FGM/C – Female Genital Mutilation/Cutting – ist eine schwere Menschenrechtsverletzung und in Deutschland strafbar. Dennoch finden sogenannte „Ferienbeschneidungen“ weiterhin statt: in Herkunftsländern mit hoher Prävalenz, in Urlaubsländern, aber auch in europäischen Staaten und vereinzelt in Deutschland. Da die Eingriffe im Verborgenen stattfinden, gibt es kaum belastbare Zahlen.
Die physischen und psychischen Folgen sind gravierend. FGM/C kann zu Infektionen, starken Schmerzen, Problemen beim Wasserlassen oder der Menstruation, Komplikationen bei Geburten und Traumatisierungen führen. In einigen Regionen ist FGM/C eine der weltweit häufigsten Todesursachen für Mädchen – neben Malaria, Tuberkulose oder schweren Infektionen. „Wir sehen immer wieder, wie tiefgreifend die Folgen für die Betroffenen sind – körperlich wie seelisch“, betont eine Mitarbeiterin von YUNA Westfalen-Lippe.
In Deutschland ist nicht nur die Durchführung von FGM/C strafbar, sondern auch Mitwirkung, Überredung oder das Unterlassen von Schutzmaßnahmen. Bis zu 15 Jahre Haft sind möglich. Zudem kann der Verlust des Aufenthaltstitels oder des Sorgerechts drohen. Dennoch bleibt FGM/C ein großes Tabu. „Scham, Unwissenheit, familiärer Druck und Angst vor strafrechtlichen Konsequenzen erschweren es, drohende Beschneidungen zu erkennen“, erläutert eine Mitarbeiterin.
Gerade deshalb kommt Fachkräften eine zentrale Rolle zu. Sie sollten über Prävalenzländer, Risikofaktoren und mögliche Anzeichen informiert sein – besonders vor Ferienzeiten sensibilisiert hinschauen. Hinweise können etwa geplante längere Auslandsreisen, auffällige Krankmeldungen oder starke familiäre Kontrolle sein. Bei Unsicherheiten oder Verdachtsmomenten ist es wichtig, frühzeitig spezialisierte Fachstellen einzubeziehen und gemeinsam das weitere Vorgehen zu planen. Bei akutem Verdacht auf Kindeswohlgefährdung, etwa bei unmittelbar bevorstehender Ausreise, muss das Jugendamt eingeschaltet werden.
Fachkräfte in Kitas, Schulen und Kinderarztpraxen sind oft die ersten Ansprechpersonen für betroffene oder bedrohte Mädchen. Ihre Sensibilisierung ist daher entscheidend. Angebote wie Webinare und Fachkräfteschulungen – etwa von YUNA Rheinland – unterstützen dabei, FGM/C sichtbar zu machen, Risiken zu erkennen und präventiv zu handeln.
„Damit Ferien für alle Mädchen eine Zeit der Unbeschwertheit bleiben können, braucht es Aufmerksamkeit, Wissen und Mut, das Thema anzusprechen“, sind sich alle Mitarbeiterinnen der Fachstelle einig.