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Birgit Reiche: Prophetie und Recht

Nachdem wir den gestrigen Abend bei einem lauen Lüftchen auf dem Registan-Platz mit der wunderbaren Kulisse der drei illuminierten Medressen ausklingen ließen, waren wir heute Morgen von dem Temperatursturz überrascht. Bevor wir zu unserer Tour aufbrachen, holten einige Frauen sich noch eine Jacke aus dem Koffer. Andere hatten den Wetterbericht verfolgt und sogar Socken an! Es wurde den ganzen Tag über nicht wärmer als 25 Grad. Zunächst fuhren wir zum Grabmausoleum des Hajji Daniyar mazar, einem Ort, der sowohl für muslimisch als auch für jüdische und christliche Menschen als heilig gilt. Überreste des biblischen Propheten sollen durch Amir Timur als Reliquien nach Samarkand gebracht worden sein, um die Stadt mit einer Pilgerstätte aufzuwerten. Während wir noch Rauschans Erläuterungen zur unterhalb des Mausoleums liegenden heiligen Quelle lauschten, kam eine alte Frau, gestützt von zwei jüngeren zu Quelle. Sie setzte sich auf eine Bank und ließ sich bereitwillig von uns fotographieren und erzählte dann aus ihrem Leben: Hochzeit mit 16, drei Söhne, die alle gute Berufe haben, fünf Töchter, die alle gut verheiratet sind. Sie hat ihr Leben lang in der Landwirtschaft gearbeitet, der Vorarbeiter auf der Kolchose war ungerecht zu ihr, sie hat sich gewehrt. Dank ihrer Schwiegertochter konnte sie schon an einer Wallfahrt nach Mekka teilnehmen und sie will noch eine weitere Wallfahrt unternehmen. Sie schloss ihre Erzählung mit einem Gebet, in dem sie Allah für uns um Gesundheit, mit Geld gefüllte Taschen und immer gefüllte Tische bat. So gesegnet besuchten wir das Mausoleum und ließen uns vom anwesenden Hodscha erklären, dass Daniel nicht im Koran erwähnt wird, aber auf jeden Fall zu den muslimischen Heiligen gehört, wenn nicht zu den Propheten.

Unser nächster Stopp galt dem nahe gelegenen Afrosiab-Museum, das Ausgrabungen aus Samarkand bis zur Zeit der arabischen Eroberung zeigt. Wichtigstes Ausstellungsstück ist ein Wandgemälde, das den zerstörten Palast des sogdischen Herrschers geziert hatte.

In der Mittagszeit hatten wir ein Treffen mit drei Juristinnen aus Samarkand, die uns Einblicke in das Rechtssystem, das Familienrecht und die Situation von Frauen in Usbekistan gaben. Rauschan übersetzte tapfer aus dem Russischen. Gefragt, warum sie nicht Usbekisch sprächen, erklärte eine der Juristinnen, dass ihre Generation in der Schule und Universität Russisch noch als Unterrichtssprache gehabt hätten. Sie würden auch Russisch denken. Bei der jungen Generation sei das anders, sie lernten Usbekisch und als erste Fremdsprache häufig Englisch.

Am Nachmittag gingen wir noch etwas spazieren, bevor wir in einem bekannten Lokal zu Abend aßen. Nun sind die Koffer gepackt. Um 8:00 Uhr verlassen wir Samarkand. Den nächsten Bericht gibt es aus Buchara.