120 Jahre Frauenhilfe –
Meilensteine eines bewegten Weges

Ein Meilenstein des Aufbruchs: Bildung als Fundament

Meilensteine - 120 Jahre Frauenhilfe

Als sich 1906 auf Initiative des Preußischen Königshauses engagierte evangelische Frauengruppen in Witten zur Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen zusammenschlossen, entstand ein Verband, der Frauen neue Wege des Lernens und der Mitwirkung eröffnete. Von Beginn an spielte Bildung eine zentrale Rolle.

Der Bildungsbegriff war dabei bewusst weit gefasst: Er umfasste praktische Kenntnisse ebenso wie persönliche Entwicklung, religiöse Orientierung und gemeinschaftliches Lernen. In frühen Kursen zu Haushaltsführung, Kinderpflege und Gemeindearbeit wurden Frauen befähigt, Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig bewegten sich diese Angebote im Spannungsfeld ihrer Zeit: Sie stärkten Handlungsmöglichkeiten, blieben jedoch vielfach an traditionelle Rollenbilder gebunden.

Ein wichtiger Schritt war die Einbindung in die Strukturen der evangelischen Erwachsenenbildung. Mit der Gründung des Evangelischen Erwachsenenbildungswerks Westfalen und Lippe im Jahr 1975 entstand ein verbindlicher organisatorischer Rahmen, der die kirchliche Bildungsarbeit bündelt und im Kontext des Weiterbildungsgesetzes Nordrhein-Westfalen anerkannt ist. 1

Bildung im Spannungsfeld ihrer Zeit

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten Frauen in Deutschland und damit auch im kirchlichen Raum nur begrenzten Zugang zu Ausbildung. Viele engagierten sich ohne formale Qualifikation in Diakonie – damals überwiegend unter dem Begriff „Innere Mission“ – und Gemeindearbeit.

Die Frauenhilfe reagierte darauf mit Lehrgängen, die praktische Fähigkeiten und religiöse Bildung verbanden. So wurde 1912 die erste Haushaltsschule der Frauenhilfe in Soest eröffnet, die bis heute als Bildungsinstitut für Pflegeberufe fortbesteht. Dieser Ansatz eröffnete neue Handlungsspielräume, blieb jedoch zunächst vor allem auf innerkirchliche und fürsorgende Tätigkeiten ausgerichtet.
In der Weimarer Republik übernahm die Westfälische Frauenhilfe weitere Verantwortung für die formale Ausbildung von Frauen. Im Jahr 1927 erwarb sie die landwirtschaftliche Haushaltsschule in Gohfeld und wurde die Evangelische Wohlfahrtsschule in Bielefeld eröffnet, die später nach Gelsenkirchen und Bochum übersiedelte und bis heute als Evangelische Hochschule Bochum fortbesteht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann die Erwachsenenbildung weiter an Bedeutung. In einer Phase des Umbruchs bot die Frauenhilfe Räume für Austausch und Orientierung. Themen wie Familie, Rollenverständnisse und soziale Verantwortung wurden aufgegriffen. Diese Angebote spiegelten auch gesellschaftliche Leitbilder der Zeit wider, die erst allmählich kritisch hinterfragt wurden.

Neue Themen, neue Perspektiven

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich die Bildungsarbeit weiter und reagierte auf gesellschaftliche Veränderungen. Fragen der Gleichberechtigung, politischen Teilhabe oder Umweltverantwortung wurden zunehmend aufgegriffen. Dieser Wandel verlief jedoch nicht widerspruchsfrei, sondern erforderte interne Auseinandersetzungen und Lernprozesse.

Heute orientiert sich die Arbeit an einem Verständnis von Bildung als lebenslangem und offenem Prozess. Seminare, Gesprächskreise und Qualifizierungsangebote schaffen Räume für Austausch und Reflexion. Gleichzeitig bleibt die Herausforderung bestehen, unterschiedliche Lebensrealitäten angemessen zu berücksichtigen und auch bisher wenig erreichte Zielgruppen einzubeziehen.

Aktuelle Perspektiven

Die Aus-, Fort- und Weiterbildung sind weiterhin zentrale Elemente der EFHiW. Sie bietet Orientierung, fördert Austausch und eröffnet Möglichkeiten zur Mitgestaltung und Teilhabe.
Zugleich steht die EFHiW vor der Aufgabe, ihr Profil in einer sich wandelnden Bildungslandschaft zu schärfen, neue Formate zu entwickeln und ihre Relevanz auch für jüngere Generationen sichtbar zu machen. Bildung bleibt damit nicht nur Tradition, sondern ein offener Prozess, der kontinuierlich überprüft und weiterentwickelt werden muss.

 



[1] Die heutige Evangelische Erwachsenen- und Familienbildung Westfalen und Lippe (eEFB) ist ein Zusammenschluss kirchlicher Träger der Erwachsenenbildung, der Bildungsangebote in der Region koordiniert und organisatorisch bündelt; es arbeitet im Rahmen des Weiterbildungsgesetzes Nordrhein-Westfalen, das die öffentliche Anerkennung, Förderung und Qualitätssicherung der Erwachsenenbildung im Land regelt.