Dokumentation

Eröffnung Gewaltschutz-Zentrum in Soest | 27.02.2026

Gewaltschutz-Zentrum in Soest

Andacht
Pfarrerin Birgit Reiche

Geschäftsführung Evangelische Frauenhilfe in Westfalen e.V.

Die Jahreslosung des Jahres 2026 lautet: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu.“ Offenbarung 21,5.
Alles neu.
Zwei Wörter. Und doch: wie viel Sprengkraft steckt darin.

Der Satz stammt aus der Offenbarung des Johannes – dem letzten Buch der Bibel. Er steht nicht am Anfang. Er steht am Ende. Nach allem. Nach allem, was war. Nach Schmerz, nach Versagen, nach langen, dunklen Zeiten. Und dann spricht Gott: Ich mache alles neu.

Das ist keine Verheißung für irgendwann. Das ist eine Aussage im Präsens. Jetzt. Gott macht. Nicht: Gott wird machen. Nicht: Gott hat mal gemacht. Gott macht – gegenwärtig, tätig, schöpferisch.

Ich denke an die Frauen, die in den 35 Jahren, seit das Frauenhaus Soest 1990 seine Türen geöffnet hat, Zuflucht gesucht haben. Frauen, die ankamen mit Kindern auf dem Arm. Mit nichts als dem, was sie tragen konnten. Frauen, die nicht wussten, ob sie das Richtige tun. Die gefragt haben: Darf ich hier sein? Verdiene ich das?

Und die Antwort lautete immer: Ja. Unbedingt.

In der feministischen Theologie gibt es eine starke Tradition, Gott nicht nur als Vater, als Herrscher, als Mächtigen zu denken – sondern als Sophia, als göttliche Weisheit, die alle Lebewesen trägt. Als die, die mit den Weinenden weint. Als Geistkraft – Ruach im Hebräischen, ein feminines Wort –, die über den Wassern schwebt, die aufwirft, die belebt.

Diese Ruach ist es, die in einem Frauenhaus wirkt. Die in einer Sozialarbeiterin sitzt, die sich immer wieder der Lebensgeschichten von Frauen annimmt, die Gewalt erlebt haben, in der Beratung und in der Arbeit im Frauenhaus. Die in einem Kind steckt, das nach Wochen zum ersten Mal wieder lacht. Die in einer Frau aufsteigt, die sagt: Ich gehe. Ich fange neu an.

Dieses Haus, das wir heute eröffnen, ist kein Denkmal – auch wenn es seit vorletztem Jahr in Teilen unter Denkmalschutz steht. Es ist ein Werkzeug des Neuanfangs. Ein Ort, an dem das Wort der Jahreslosung Gestalt annimmt.

Neu bedeutet nicht: das Alte war nichts. Neu bedeutet: wir haben gelernt, wir sind gewachsen, wir wagen mehr. Vier Einrichtungen unter einem Dach. Mehr Plätze. Barrierefreiheit. Spezialisierte Beratung für Frauen, die bisher kaum einen Ort hatten, der ihnen gehört.

Unsere Jahreslosung stammt aus der Offenbarung, der großen Vision am Ende unserer Bibel. Dort ist auch verheißen, dass Gott alle Tränen abwischen wird, dass es keine Angst, keine Not und kein Geschrei mehr geben wird. Wenn diese Zeit da ist, werden wir arbeitslos. Ein Frauenhaus, eine Frauenberatung, die nicht gebraucht werden, wäre der größte Erfolg. Bis dahin werden wir hier sein.

Die jüdische Überlieferung kennt den Begriff Tikkun Olam – die Reparatur, die Heilung, die Erneuerung der Welt. Sie ist keine gottgegebene Selbstverständlichkeit. Sie geschieht durch Hände. Durch Entscheidungen. Durch Mut. Durch Mittel. Tikkun Olam ist zu einem jüdischen Sammelbegriff für soziales und ökologisches Engagement geworden. Menschen sind aufgefordert, zugunsten einer gerechteren, konfliktärmeren, naturerhaltenden Welt zu wirken.

Wir sind Teil von Tikkun Olam. Dieses Haus ist Teil von Tikkun Olam.

Gebet:
Gott des Lebens, Ruach,
wir danken dir für alle, die dieses Haus möglich gemacht haben. Für die, die gestritten haben – politisch, fachlich, persönlich. Für die, die Geld gegeben haben. Für die, die den Umbau geplant, durchgeführt und begleitet haben und für die, die es geputzt und eingerichtet haben.
Wir beten für die Menschen, die hier arbeiten und leben werden.  Sei bei ihnen und uns in diesem Ort. Dass hier Sicherheit wohnt. Dass hier Hoffnung wächst. Dass hier Leben neu anfängt.
Amen.