Eröffnung Gewaltschutz-Zentrum in Soest | 27.02.2026
Theologischer Vizepräsident der EKvW
Liebe Frau Waldheuer, liebe Birgit Reiche,
sehr geehrte Eröffnungs-Gäste der Ev. Frauenhilfe Westfalen,
Panta rhei. Dass alles fließt und sich verändert, dass nichts bleibt, wie es war, steht seit zweieinhalb Jahrtausenden grundlegend fest, Heraklit hat’s auf den Punkt gebracht. Alles wandelt sich stetig.
Das gilt – unglaublicherweise – sogar in Westfalen und, mehr noch, sogar in Soest, trotz 700 Jahren Kirmes, Fachwerk und antikem Kopfsteinpflaster.
Alles fließt, alles im Wandel.
Ein kurzer Blick auf die 120-jährige Geschichte der Westfälischen Frauenhülfe illustriert das leicht und schnell. Diakonissen-Hülfsverein für Privatpflege, Frauenheim für gefährdete und verwahrloste Mädchen, Entbindungs- und Kinderstation, Kindererholung, landwirtschaftliche Haushaltsschule, Mütterkurheime, Infektionskrankenhaus, Familienpflegeschule, Höhere Jugendschule, Tagungs- und Begegnungsstätte, Wiedereingliederung psychisch Kranker, Altenhilfe etc. etc. etc.
In 12 Jahrzehnten hat die Ev. Frauenhilfe ihre sozial-diakonischen Aktivitäten permanent erneuert, immer wieder verändert und weiterentwickelt. Nicht nur hier in Soest, natürlich nicht, an all ihren Standorten.
„Nur wer die Vergangenheit, seine Geschichte kennt und verantwortet, hat eine Zukunft. Nichts wird bleiben, wie es einmal war und dennoch bleibt vieles in veränderter Form zu tun.“
Nicht umsonst steht dieser Leitsatz über der Chronologie auf der Frauenhilfs-Website.
Dennoch bleibt vieles in veränderter Form zu tun…
Hier und heute also ein nächster, konsequenter Schritt – hinein in die Gegenwart und damit in die Zukunft.
Eben noch am Feldmühlenweg Tagungs- und Begegnungsstätte, zuvor Schwesternheim der Diakonissen, nun also Gewaltschutz-Zentrum, Beratung, akute Unterbringung, Schutz und Hilfe für Frauen - umfassend. Weil es das braucht.
Und weil manche Dinge sich offenbar eben doch nicht verändern. Sondern konstant sich durch die Geschichte ziehen. Wozu Gewalt gegen Frauen ohne Zweifel gehört.
Die aktuellen Zahlen kennen Sie alle hier zur Genüge, die Bundeslagebilder „Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten“ und „Häusliche Gewalt“ aus dem November 25 zeigen – mit neuen Höchstständen – ein rundum erschreckendes Bild. „Gewalt gegen Frauen ist ein alltägliches Verbrechen“, es ist so, wie die Bundesministerin es anlässlich der Präsentation formulierte. Alltäglich und überall.
„Mit dem neuen Zentrum entsteht ein starkes Zeichen gegen häusliche und sexualisierte Gewalt.“ So schreiben Sie es in Ihrer Einladung.
Und so ist das - Gott sei Dank! Gott sei Dank für dieses Zeichen und für alles, was Sie als Ev. Frauenhilfe in dieses Projekt investieren - an Zeit, an Energie, an Entschlossenheit und auch Risikobereitschaft.
Hier entsteht mehr als nur „ein starkes Zeichen“. Sie haben mit Sinn für die Bedürfnisse der künftigen Bewohnerinnen Apartments geschaffen. Sie haben dieses Haus und sein Außengelände konsequent umgestaltet und dabei auch die Belange von Kindern, von queeren Menschen, von Frauen mit Handicaps berücksichtigt.
Hier arbeiten Menschen mit Herzblut. Und hier entsteht Raum für entscheidende, manchmal lebenswendende Befreiung.
Warum tut die Frauenhilfe das?
Sie kann nicht anders.
Es steckt ihr eben schon im Namen. Und es steckt zudem in dem Fundament, auf dem sie sich von Anfang an bewegt: in den Schriften der Hebräischen Bibel und des Neuen Testaments.
Denn auch diese Texte, zwei-, dreitausend Jahre alt, erzählen immer wieder von unheiliger Gewalt gegen Frauen. Sie heißen Hagar, Dina, Tamar, Batseba. Die meisten bleiben namenlos. Geschändet, vergewaltigt, ausgebeutet, gedemütigt, getötet. Wenige nur kommen davon wie die namenlose „Ehebrecherin“, von Männern vor Jesus gezerrt, um sie zu steinigen.
Entsetzliche Gewalt, buchstäblich entsetzlich. Aber ich finde es gut, dass die Bibel schonungslos von ihr erzählt. Erzählen heißt nicht gutheißen, oder gar rechtfertigen. Im Gegenteil. Mit der Veröffentlichung fängt der Kampf gegen Gewalt an.
Gewalt gegen Frauen, häusliche oder öffentliche, ist viel zu lange systematisch verschwiegen worden. Der vor wenigen Jahren erschiene Film „Die Unbeugsamen“ über die ersten Frauen im deutschen Parlament zeigt die berühmte Rede der jungen Waltraud Schoppe. Wie sie, immer wieder unterbrochen von dröhnendem Hohngelächter vieler männlicher Abgeordneter, vor dem Bundestag von Vergewaltigung in der Ehe spricht. Wie sie, wenn die nächste Lachsalve abklingt, den Kopf hebt, ins Rund des Parlaments blickt und unbeirrt weiterspricht.
Frauen wie ihr verdanken wir es, dass häusliche Gewalt nicht mehr als natürliches Recht des Mannes verstanden wird, sondern als etwas, dem die Gesellschaft mit aller Kraft und allen Mitteln widerstehen und Einhalt gebieten muss.
Im Namen der Ev. Kirche von Westfalen gratuliere ich der Ev. Frauenhilfe von Westfalen zur Eröffnung des Gewaltschutzzentrums Soest. Und ich danke Ihnen allen, die Sie in Politik und Gesellschaft dazu beitragen und schon beigetragen haben, dass dieses Projekt verwirklicht werden kann. Gott und ihnen allen sei Dank.
Die Westfälische Frauenhilfe verwirklicht hier und heute, was die Kirche im besten Sinne sein kann und sein soll: der bedingungslosen Liebe zu den Menschen und zum Leben in Gottes Namen Raum und Geltung verschaffen.
Dafür sage ich Ihnen für die Ev. Kirche von Westfalen von Herzen Dank.
„Man muss sich erlauben glücklich zu sein.“ Hat Gisele Pelicot gesagt. Kaum wagt man es zu sagen – aber ich hoffe und wünsche mir sehr, dass die Frauen, die hier wohnen werden, mindestens an manchen Tagen, in manchen Momenten Glück und Segen erfahren.
Vielen Dank.